Arbeiterbewegung in Postmoor (1)

Brüggmann' s Schapp

- Keimzelle der Arbeiterbewegung -

-Treffpunkt für SPD und Gewerkschaft -

Den alten Schapp darf man aufgrund von alten Unterlagen als die Keimzelle der SPD und der Gewerkschaft von Horneburg und Umgebung betrachten. Die nachstehenden Aufschreibungen weisen darauf hin. Viele Postmoorer haben sich sehr früh der Arbeiterbewegung angeschlossen.

Meines Erachtens hat der Bau der Unterelbischen Eisenbahn von 1880 bis 1896 und der hier beschäftigten vielen Arbeiter, die sich in ihrer Freizeit im alten Schapp trafen, auch mit der Gründung der Arbeiterbewegung vor Ort zu tun.

Aus der Horneburger Zeitung vom 27.06.1895 lesen wir z.B.: "Ueber 30 Arbeiter aus Bliedersdorf und Postmoor haben die Arbeit bei den Erdarbeiten an der Bahn gegenüber dem Bahnhofsgebäude niedergelegt. Grund ist Lohn-Mehrforderung."

Datum
Hinweise
1883 Erste Sitzung der SPD im Schapp (Schlichting). Aufgeschrieben von Pastor Wiedemann, Bargstedt. Nachzulesen: Geschichte Herzogtum Bremen/Verden (Heimatverein Stade).
30.05.1893 SPD-Kandidat Heinrich Baerer Harburg -17. hannoversche Wahlkreis- hält im Gasthaus Brüggmann Postmoor eine Wahlrede. Baerer und Redakteur Ernst Köpke vertraten den Wahlkreis 1904, 1905 u. 1907 auch auf SPD-Parteitagen.
Juni 1898 Versammlung der SPD bei Brüggmann Postmoor gut besucht; Zeitungsnotiz
03.03.1901 Gründung eines gewerkschaftlichen Vereins der Arbeiter bei Brüggmann Postmoor
27.10.1902 Versammlung der SPD bei Brüggmann Postmoor - Was will die SPD -
15.11.1903 Versammlung der SPD - Thema: „Das preußische Volksschulelend“
10.06.1906 Versammlung der SPD bei Brüggmann Postmoor
07.01.1907 Versammlung der SPD; von bürgerlichen Parteigängern unterlaufen; siehe Zeitungsartikel
1908 Versammlung der SPD bei Brüggmann Postmoor
20.09.1913 Versammlung zur Erörterung der Konsumvereinsfrage

Politische Lage

Nach dem Ausbruch der Revolution 1848 bildeten sich zahlreiche Arbeitervereine. Hauptforderungen waren der Zehnstundentag, Unterstützungskassen und die Einführung von Arbeiternachweisbüros. Im Mai 1849 trat das „Dreiklassenwahlrecht“ in Kraft (Wahlrecht nach Steuerkraft); Frauen hatten überhaupt kein Wahlrecht. Durch dieses Wahlrecht erhielt noch 1908 zur Wahl des preußischen Landtages die Konservative Partei bei 354.000 Urwählerstimmen 152 Mandate, die Sozialdemokraten, die es auf stolze 598.000 Urwählerstimmen brachten, bekamen aber nur 7 Mandate. Erst nach der Revolution von 1918 wurde dieses Wahlrecht abgeschafft und das gleiche, geheime und freie Wahlrecht eingeführt. Auch Frauen erhielten erstmalig das Wahlrecht!

Arbeiterbewegung

Zur Reichstagswahl fand in Horneburg am 07.01.1877 eine Wahlversammlung statt, auf der der Kandidat Conrad Wode aus Verden sprach. Das Ergebnis der Reichtagswahl 1877, bei der die SPD erheblich zulegen konnte, nahm das Stader Tageblatt zum Anlaß, darauf hinzuweisen, daß Zwangsmaßnahmen gegen die SPD nicht mehr ausreichten, sondern positive Maßnahmen ergriffen werden müßten, damit die Unzufriedenheit der Arbeiter beseitigt werden könnte. Was aber folgte, war zunächst das Gegenteil.



SPD-Versammlung im Brüggmannschen Schapp durch Anhänger bürgerlicher Parteien unterlaufen.

Die HORNEBURGER ZEITUNG berichtet im Jahre 1907 über die Sozialdemokraten in Postmoor

 

Die soziale Lage

Das ländliche Leben in Postmoor war über die Pionierzeit hinweg von Abhängigkeit und Kärglichkeit gezeichnet; doch fühlten sich die Postmoorer von jeher in einem gewissen Maße von sozialer Sicherheit umgeben. Sie taten alles, um frei und unabhängig zu sein! In der mehrere Generationen umfassenden Großfamilie wurde die gegenseitige Hilfe für die Kinder, Alten und Kranken noch unkompliziert praktiziert. Durch enormen Fleiß und Sparsamkeit erlangten die Postmoorer im Laufe der Jahre einen bescheidenen Wohlstand.

Lösung der sozialen Frage

Geschehen im Kirchenhause zu Bliedersdorf, den 14. September 1890.

Der KV (Kirchenvorstand) berieth heute über das Anschreiben des Kirchl. Landesconsistori vom 26. d. M. betr.: die soziale Frage.

„Es wurde bemerkt, daß auch in hiesiger Gemeinde bei der letzten Reichstagswahl eine Majorität sozialdemokratischer Stimmzettel abgegeben worden sei. Von einem etwaigen Nothstande der arbeitenden Klasse in unserer Gemeinde wäre nicht die Rede, doch werden manche angelockt durch die Versprechungen der Sozialisten betr. Erleichterung der Steuer- und Militärlasten - Eigentliche Vereine und Anstalten zum Zwecke der Wohlthätigkeit sind in der Gemeinde nicht vorhanden und sind auch wohl schwer ins Leben zu rufen.

Vielleicht könnte jedoch bei Gelegenheit der nächsten Kirchenvisitation eine Vermehrung der sonntäglichen Gottensdienste erörtert werden.

Vorgelesen und genehmigt
Der Kirchenvorstand
G. Wiedemann, Pastor“


(Die HZ über das „Treiben“ von Frauen in der Politik in einem Bericht vom 11. Februar 1907))



Sozialistengesetz

Am 19.10.1878 wurde im Reichstag das Ausnahmegesetz gegen Sozialdemokraten beschlossen. Nur die Welfen hatten sich gegen dieses Gesetz erklärt, was dazu führte, daß die Sozialdemokraten im Wahlkreis 18 ihre Wähler aufforderten, Kandidaten der Welfen zu wählen. Am 30.09.1890 wurde das Sozialistengesetz wieder aufgehoben.

Bildung der Arbeiterjugend

Johann Jacob Bohlmann *1861, Nachbar und Freund von Heinrich Voigt *1862, trat aktiv für die Weiterbildung der Arbeiter ein; er förderte das Erlernen der Welthilfssprache "Esperanto", die von dem polnischen Arzt Zamenhof 1887 entwickelt wurde. (Alle in der Hitlerzeit -1933/1945- aufgefundenen Esperanto--Bücher wurden u.a. durch die Nazis rücksichtslos auf dem Scheiterhaufebn verbrannt.) Nachrichtlich: Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Nachbarsöhnen Voigt und Bohlmann kommen auch in dem Gedicht "Poggenpool" von Voigt zum Ausdruck.

Heinrich Voigt hat sich um das Wohl der Jugend sehr bemüht. Bei vielen Gelegenheiten beschenkte er die Jugendlichen, wie auch die Älteren mit Büchern. Z. B. ist mir das Büchlein: „Der Achtstundentag, eine gesundheitliche Forderung“ aus der Reihe der Arbeiter-Gesundheits-Bibliothek bekannt.

Durch Bildung wollte er den verarmten Bürgern Hilfe durch Selbsthilfe vermitteln. So beschenkte er u. a. die Volksschule in Bliedersdorf zu Weihnachten 1920 mit 79 ausgesuchten Büchern und bildete damit den Grundstock für die Schulbibliothek.

Bei einer Bescherung der Postmoorer Kinder, festgehalten in einem seiner Gedichte, erzählt er uns seine Beweggründe:

Bücherbescherung an die Arbeiterjugend
im Logenhaus Postmoor

Bücher haben, das macht Freude,
Bücher lesen, das ist fein!
Doch als ich noch war ein Knabe,
 Sah ich solches nur nicht ein.

Als ich jung, und ging zur Schule,
War meine Freud’ am Buch nicht groß,
Lernen, das war meine Plage,
Dienst und Arbeit war meine Los.

Als ich größer dann geworden
Und kam in die weite Welt,
Habe ich bald eingesehen,
Daß mein Wissen schwach bestellt.

Da mein Schicksal es nun wollte,
Daß ich Freud’ an Büchern fand,
 Allen Lieben ich jetzt rate:
Bücher, nehmt sie gern zur Hand!

Gutes wollen, freies Denken,
Bücher schaffen es herbei.
Manches Schicksal lernt man kennen,
Und der Blick wird weit und frei.

Bücher wollen uns belehren
Über Kunst und Wissenschaft,
Zeigen uns des Weltalls Wunder
Und des Menschen Geisteskraft!

Bücher sind die besten Freunde,
Harren aus zu jeder Zeit!
Brauch’ ich ihren Rat noch heute,
Sind sie immer noch bereit.

Und so will ich Bücher lieben,
Seh ich sie auf ihrem Bort,
Wieviel können die erzählen,
Mich bereichern fort und fort!


(Horneburger Zeitung v. 19. 12. 1928)


  Nächster Artikel: "Arbeiterbewegung (2)" Vorheriger Artikel: "Brüggmann´s Schapp"
This document maintained by info@postmoor.de
Material Copyright © 1995 - 2013 Hans-Jürgen Feindt